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Seifersdorf / Wiesenena, den
18. Mai 2001
Die nachfolgenden Ausführungen entstammen
Gesprächen, die mein Bruder Tilo und ich am Wochenende (12. und 13. Mai 2001)
in Bukarest mit Vertretern von „Vier Pfoten – Romania“ (Kuki und Marius), Bukarester
Tierschützern, vor allem Liviu Gaita, dem Tierarzt Dr. Tudose und Bukarester
Bürgern geführt haben.
Falls das eine oder andere Thema in diesem
Bericht nicht so objektiv abgeht, wie man es von einem Bericht erwartet, möge
man mir das nachsehen, es ist ein Thema, was man nicht im Kopf allein abhandeln
kann.
Die vier Lager, die von der Stadtverwaltung Bukarests betrieben werden und
nach dem Vertrag zwischen
dem Oberbürgermeister Traian Basescu auf der einen Seite und Vier Pfoten und
der Fondation Brigitte Bardot auf der anderen Seite,
als zeitweilige Unterbringung zur Vor- und Nachsorge der zu kastrierenden
bzw. der kastrierten Hunde dienen sollten, sind jetzt Todeslager. Sie liegen
am Rande bzw. weit außerhalb der Millionenstadt und sind so für die normalen
Bürger nur schwer zu erreichen. Der Zutritt zu den Lagern wird von einem Wachmann
der Stadt verhindert. Wir konnten uns am Beispiel des Lagers in Berceni davon
überzeugen.

Täglich ziehen Hundefänger im Auftrag von Basescu aus, um 50 bis 100 Hunde
einzufangen und diese, wenn sie nicht schon beim Fangen mit der Schlinge erdrosselt
werden, in eines der vier Lager zu bringen. Dort werden noch am selben Tag ca.
die Hälfte der Hunde durch Injektionen von Magnesiumsulfat ins Herz umgebracht.
Es erfolgt keine Betäubung und die Injektionen werden nicht vom Veterinär gesetzt
sondern von Mitarbeitern einer Stadtreinigungsfirma. Magnesiumsulfat bedeutet
ein minutenlanges, qualvolles Sterben. Die andere Hälfte der Hunde erleidet
das gleiche Schicksal am nächsten Tag. Nach ihrem Tod werden die Hunde in einem
Schredder zerkleinert.
Wenn Bürger dazukommen, wenn „ihre“ Hunde gefangen werden, befreien sie diese
oft durch Zahlung von Schmiergeldern, um sie dann an einen, ihrer Meinung nach,
sichereren Platz zu bringen, ein „Zwischenlager“ im Nordwesten der Stadt, das
privat betrieben wird und zu dem die Bürger Zutritt haben, um Hunde zu adoptieren.
Wenn die Hunde nach einigen Tagen nicht übernommen wurden, werden auch diese
in ein Todeslager nach Cervenia (südlich von Bukarest) gebracht.
Wenn die Fänger ihre Quote nicht schaffen,
schrecken sie auch nicht
davor zurück, über Zäune zu klettern und Hunde aus privaten Grundstücken zu
fangen. Basescu ist nicht nur ignorant gegenüber grundlegenden Tierrechten,
er missachtet auch gröblichst die Rechte und Interessen der Bukarester Bürger.
Besonders erschreckend und unverständlich
ist die Tatsache,
dass auch kastrierte und als solche gekennzeichnete Hunde
gefangen und getötet werden,

was den wahren, kranken Charakter Basescus entlarvt. Vier Pfoten hat aufgrund
obiger Tatsache das Kastrationsprogramm gestoppt. Durch das Zugangsverbot zu
den Lagern besteht auch keine Möglichkeit der Betreuung der Hunde mehr.
Soviel zur derzeitigen Situation in Bukarest.
Unsere Hilfsgüter (kochfeste Wäsche wie sie zur Unterstützung bei den Operation
benötigt wird) ließen wir trotzdem bei Vier Pfoten Romania in der Hoffnung,
dass sie anderweitig oder wieder für den vorgesehenen Verwendungszweck eingesetzt
werden wird.

Ein paar Säcke Kleidungsstücke, die mein Bruder und dessen Frau der Hilfslieferung
beisteuerten, konnten über Marius (Vier Pfoten Romania) an Kinder einer Taubstummen-Schule
weitergeleitet werden, was nicht geplant war und uns um so mehr erfreute, als
sich diese Möglichkeit bot.
Am Sonnabend nahm uns
Marius mit dem Kleinbus mit zum Lager in Berceni, in dem zwei Reihen Zwinger
für Hunde der Fundatia Speranta reserviert sind. Diese Hunde stehen, obwohl
sie in dem Todeslager untergebracht sind, nicht unter dem Zugriff der Stadtverwaltung.
Es ist nur schwer vorstellbar, was sich in dessen Seelen abspielt, wenn in den
benachbarten Gebäuden auf dem gleichen Gelände Hunde umgebracht werden.

Zur Fütterung durften nur Mitglieder der Fundatia Speranta das Gelände betreten.
Die ehemalige (sie wurde von Basescu entlassen, weil sie keinen Doktor-Titel
hat) Chefin der ASA (Verwaltung für die Tieraufsicht) brachte an diesem Tag
zwei von ihr betreute Streuner an diesen sicheren Platz, um sie dem Zugriff
der Fänger zu entziehen. Sie ermöglichte es auch, dass wir Aufnahmen vom Inneren
der Baracken erhielten.

Im Lager sahen wir eine ca. ein Jahr alte, selbstbewusste und sehr schöne
Hündin, deren beide Hinterläufe seit ihrer Geburt gelähmt sind. Wenn jemand
von euch eine Möglichkeit sieht, sie unterzubringen und für sie zu sorgen, könnte
das ihr Leben wesentlich ändern. Meldet euch bei mir. Sie schleppt sich jetzt
mit ihren Vorderläufen über den Beton und hat entsprechend Abschürfungen und
Vernarbungen an den Hinterläufen.

Außerhalb des Lagers fanden sich schnell andere Hunde ein, die vom Futter
etwas abhaben wollten und dies auch erhielten. Wir mussten aber auch ungläubig
mit ansehen, wie ein Kraftfahrer altes Motorenöl in das Fell einer Hündin goss
und verteilte in der Annahme, dass würde die Zecken vertreiben. Es konnte ihm
nicht vermittelt werden, dass dabei das Fell Schaden nimmt.

Wir begleiteten eine weiße Hündin in die Illiora Klinik, die dort behandelt
werden sollte. Sie hatte furchtbare Angst als sie in die Box gehoben wurde und
zitterte am ganzen Körper, teils vor Angst und teils vor Kälte. Sie war mit
Zecken übersät , die wir so gut wir konnten entfernten. Vor der Illiora Klinik
wurden ihr Welpen an das pralle Gesäuge gelegt, um ihr ein wenig Erleichterung
zu verschaffen.

Das für den Abend geplante Gespräch zur Situation in Bukarest mit Kuki (Direktor
von Vier Pfoten Romania) wurde auf Sonntag vertagt – uns holte die Müdigkeit
ein, waren wir doch seit Freitag morgen auf den Beinen (und Rädern).
Am Sonntag erkundeten wir die Stadt in der Nähe des Büros von Vier Pfoten
Romania. Mir war, als seien es seit meinem letzten Besuch vor zwei Jahren schon
weniger Hunde geworden. Ausnahmslos alle Hunde, die wir sahen, hingen ihren
eigenen Gedanken nach, dösten in der wieder hervorgekommenen Sonne, ließen sich
durch niemanden stören. Aber auch die Menschen nahmen keinerlei Anstoß an den
Hunden.

Wenn man sich aber um die Hunde kümmern, ihnen etwas zu Fressen geben oder
sie fotografieren wollte, standen diese auf und wichen zurück. Und wann immer
wir uns mit den Hunden beschäftigten, die schnell Vertrauen zu uns gewannen,
spürten wir, dass immer jemand in der Nähe war, der uns beobachtete - dass wir
den Hunden ja nichts zuleide tun – eine sehr gute Erfahrung.
Was mir im Nachhinein auffiel, und die Fotos bestätigen es, man muss schon
sehr suchen, um Hundekot zu finden, bei der Anzahl der Hunde eine recht rätselhafte
Sache.
Drei der Welpen, die auf ihre Fahrt nach Deutschland warteten, hatten wir
schon kennengelernt, sie lebten im Hof und Haus von Vier Pfoten Romania zusammen
mit anderen Hunden und einer Katze namens Kleopatra, die bei den Kleinen schon
Lerneffekte ausgelöst hat, indem sie ihnen klarmachte, dass man sich einer Katze
nicht ungestraft nähert. Der vierte (männliche) Welpe, den Kuki noch am Sonnabend
Abend brachte, hatte sich in der Nacht in unser Ohr gejammert. Er war ca. 3
Monate alt und ein ganzes Stück größer als die drei ca. zehnwöchigen Mädels.


Für den frühen Nachmittag hatten wir uns mit Liviu Gaita verabredet (http://asokha.tripod.com/bioethics/).
Wir lernten ihn als einen engagierten Tierschützer kennen, der nicht davor zurückschreckt,
sein Privatleben auf’s Spiel zu setzen, um den Hunden zu helfen. Er brachte
dann auch Lulutza, ein ganz liebes (12 Monte altes) Hundemädchen mit. Nie zuvor
hatte ich eine so scheue, liebe Hundeseele getroffen. Ich kann Liviu verstehen,
dass er für sie das beste Zuhause sucht, das man sich vorstellen kann. Wenn
sie aufgetaut ist, soll sie sehr spielfreudig sein, was wir auf der Fahrt natürlich
nicht erlebten, dafür hat sie sich riesig über das hohe Gras in Deutschland
gefreut, sie hat sich hineingekuschelt wie ein Rehkitz und wollte nicht mehr
weg – wir haben sie oft getragen). Im Haus sollte man darauf achten, dass sie
nicht an den Elektrokabeln knabbert, ist wohl eine Marotte von ihr. Kurz darauf
traf auch Dr. Dragos Tudose mit zwei seiner Helferinnen und mit Gurita (sprich:
Guritza), dem von Livius Webseite bekannten Mouthy, ein.

Dr. Tudose hatte auch die Papiere für alle sechs Hunde,
die mit nach Deutschland kamen fertig gemacht. Er erzählte uns die erschütternde
Geschichte von Gurita, dem eine Schrotladung in den Kopf geschossen wurde und
der sich ca. drei Monate mit beidseitig gebrochenem Kiefer und verletzter Zunge
durchschlug bis er gefunden wurde und behandelt werden konnte. Es bleibt rätselhaft,
wie er sich über so lange Zeit mit senkrecht herabhängendem Unterkiefer ernähren
konnte. Dr. Tudose sagte, dass Gurita von den Genen her auserwählt ist zu überleben,
deshalb hat er auch Bedenken gegen die Kastration von Gurita geäußert und diese
nicht durchgeführt. Wer immer Gurita ein Zuhause bietet, sollte dieses Gefühl
ohne wenn und aber akzeptieren. Dr. Tudose hat all seine Kunst daran gesetzt,
aus Gurita wieder einen freudigen, gesunden Hund zu machen.

Gurita ist ein überaus liebenswerter Rüde von 2,5 bis 3 Jahren, wählt sich
die Leute selbst aus, die er mag; er hat insbesondere Probleme mit Männern.
Ähnlich verhält er sich anderen Rüden gegenüber. Dem er einmal vertraut, hat
keine Aggressionen mehr zu befürchten. Er lernt sehr schnell, will alles richtig
machen. Er sollte ein Zuhause finden, indem keine Rivalität zwischen Rüden stattfinden
kann, weil sein mehrfach gebrochener und sehr spät behandelter Kiefer keine
Belastung aushält (seine Bisse tun auch nicht wirklich weh, wie mir mein Bruder
versicherte, der sich aber kurze Zeit später blendend mit Gurita verstand).
Wenn ein Mann oder Kinder im Haushalt sind, sollte vorher getestet werden, wie
sich Gurita verhält, kleine Kinder sollten nicht im Haushalt sein. Seinem Herrn
gegenüber ist er ein echter Freund und unproblematisch.

Nun hatten wir Gelegenheit mit Kuki, Liviu und Dr. Tudose über die Situation
in Bukarest zu sprechen. Hier haben wir uns gewünscht, dass unser Englisch doch
ein ganzes Stück besser wäre, um tiefgründiger miteinander kommunizieren zu
können. Die Zeit war viel zu kurz, um all die furchtbaren Dinge zu erfahren,
die derzeit in Bukarest passieren. Zwei Möglichkeiten der Hilfe haben sich herauskristallisiert.
Das allerwichtigste ist der Protest auf internationaler
Ebene, hier müssen wir unsere Aktivitäten weiter verstärken, Medien alarmieren,
Politiker sensibilisieren, die EU auf das Problem ansetzen – nur über internationalen
politischen Druck ist Basescu zu stoppen. Basescu selbst ist als ‚harter Mann’
schon während seiner Aufgabe als Transportminister aufgefallen, durch die Art
wie er Verhandlungen mit Streikenden führte. Jetzt lebt er seine Macht gegen
hilflose unschuldige Geschöpfe aus, indem er geschickt die Probleme der Kinder
gegen die der Hunde ausspielt, gezielt Falschinformationen verbreiten lässt
und Tatsachen verdreht, die Jugendliche zu den Aussagen veranlassen, dass die
Hunde getötet werden müssen, damit Rumänien in die EU aufgenommen wird, so geschehen
in einem Fernsehinterview anlässlich einer Demonstration gegen das Töten der
Streunerhunde. Bitte lasst in euren Aktivitäten nicht nach.
Der andere Weg, den Hunden zu helfen – der kleine
Weg – ist, den Hunden eine neue Heimat zu schaffen,
wie es verschiede Organisationen und Privatpersonen derzeit tun. Es werden Gelände
zur Unterbringung der Hunde hergerichtet, Einwohner nehmen Streuner in ihre
Wohnung auf und Hilfsorganisationen wie wir holen Hunde aus dem Land, um ihnen
ein neues Zuhause zu bieten. Ein kleiner Beitrag, aber jeder einzelne Hund ist
es wert, die Strapazen der Tour auf sich zu nehmen. Schaut euch doch nur die
Bilder an.

Die Rückfahrt nach Deutschland führte uns über Brasov, wo wir Andreea, einer
Tierschützerin der „Asociata de Protectie a Animalelor ‚Milioane de Prieteni’“
Wäsche für die Hunde, einige Medikamente und unseren „Reiseproviant“ an Hundefutter
übergaben.

Das soll’s erst einmal gewesen sein. Ich werde in den nächsten Tagen noch
über den technischen Teil der Tour berichten dass sich diejenigen unter euch
einstimmen können auf das, was sie erwartet, wenn sie Hunde aus Rumänien holen.
Nicht zuletzt möchte ich mich bei allen Helfern, Spendern von Sachmitteln
und Geldern, die die Tour erst ermöglichten, bei den Menschen, die die geretteten
Hunde zeitweise oder dauerhaft aufgenommen haben und besonders bei KH
bedanken, die die Fäden hier in Deutschland zusammenhielt und nach unserer Rückkehr
selbst noch einmal fast die Strecke Deutschland – Rumänien im Auto zurücklegte,
um die Hunde an ihre vorgesehenen Plätze zu bringen. Besonderer Dank geht auch
an meine liebe Frau, die alle Hilfsgüter verpackt hat und sich, während meiner abende- und nächtefüllenden Vorbereitungen am Computer, um alles andere gekümmert
hat.
Lasst uns nicht nachlassen im Kampf für die rumänischen Streunerhunde, jeder
einzelne von den 200.000 ist es wert, dass man um ihn kämpft, zeigen sie uns
doch jeden Tag, wie Treue und Freundschaft die Welt zum Guten ändern können.
Lasst uns über die Zahl 200.000 nicht die Einzelschicksale eines Gurita, einer
Lulutza, und all der namenlosen Seelen Bukarests vergessen.
Hardy ‚Knuddelbacke’ für „Hand-und-Pfote“
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