Bericht Mai 2001

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14.05.2001

"Bukarest - die Stadt der schreienden Hundeseelen"

Seifersdorf / Wiesenena, den 18. Mai 2001

Die nachfolgenden Ausführungen entstammen Gesprächen, die mein Bruder Tilo und ich am Wochenende (12. und 13. Mai 2001) in Bukarest mit Vertretern von „Vier Pfoten – Romania“ (Kuki und Marius), Bukarester Tierschützern, vor allem Liviu Gaita, dem Tierarzt Dr. Tudose und Bukarester Bürgern geführt haben.

Falls das eine oder andere Thema in diesem Bericht nicht so objektiv abgeht, wie man es von einem Bericht erwartet, möge man mir das nachsehen, es ist ein Thema, was man nicht im Kopf allein abhandeln kann.

Die vier Lager, die von der Stadtverwaltung Bukarests betrieben werden und nach dem Vertrag zwischen dem Oberbürgermeister Traian Basescu auf der einen Seite und Vier Pfoten und der Fondation Brigitte Bardot auf der anderen Seite,  als zeitweilige Unterbringung zur Vor- und Nachsorge der zu kastrierenden bzw. der kastrierten Hunde dienen sollten, sind jetzt Todeslager. Sie liegen am Rande bzw. weit außerhalb der Millionenstadt und sind so für die normalen Bürger nur schwer zu erreichen. Der Zutritt zu den Lagern wird von einem Wachmann der Stadt verhindert. Wir konnten uns am Beispiel des Lagers in Berceni davon überzeugen.

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Täglich ziehen Hundefänger im Auftrag von Basescu aus, um 50 bis 100 Hunde einzufangen und diese, wenn sie nicht schon beim Fangen mit der Schlinge erdrosselt werden, in eines der vier Lager zu bringen. Dort werden noch am selben Tag ca. die Hälfte der Hunde durch Injektionen von Magnesiumsulfat ins Herz umgebracht. Es erfolgt keine Betäubung und die Injektionen werden nicht vom Veterinär gesetzt sondern von Mitarbeitern einer Stadtreinigungsfirma. Magnesiumsulfat bedeutet ein minutenlanges, qualvolles Sterben. Die andere Hälfte der Hunde erleidet das gleiche Schicksal am nächsten Tag. Nach ihrem Tod werden die Hunde in einem Schredder zerkleinert.

Wenn Bürger dazukommen, wenn „ihre“ Hunde gefangen werden, befreien sie diese oft durch Zahlung von Schmiergeldern, um sie dann an einen, ihrer Meinung nach, sichereren Platz zu bringen, ein „Zwischenlager“ im Nordwesten der Stadt, das privat betrieben wird und zu dem die Bürger Zutritt haben, um Hunde zu adoptieren. Wenn die Hunde nach einigen Tagen nicht übernommen wurden, werden auch diese in ein Todeslager nach Cervenia (südlich von Bukarest) gebracht.

Wenn die Fänger ihre Quote nicht schaffen, schrecken sie auch nicht davor zurück, über Zäune zu klettern und Hunde aus privaten Grundstücken zu fangen. Basescu ist nicht nur ignorant gegenüber grundlegenden Tierrechten, er missachtet auch gröblichst die Rechte und Interessen der Bukarester Bürger.

Besonders erschreckend und unverständlich ist die Tatsache,
dass auch kastrierte und als solche gekennzeichnete Hunde
gefangen und getötet werden,

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was den wahren, kranken Charakter Basescus entlarvt. Vier Pfoten hat aufgrund obiger Tatsache das Kastrationsprogramm gestoppt. Durch das Zugangsverbot zu den Lagern besteht auch keine Möglichkeit der Betreuung der Hunde mehr.

Soviel zur derzeitigen Situation in Bukarest.

Unsere Hilfsgüter (kochfeste Wäsche wie sie zur Unterstützung bei den Operation benötigt wird) ließen wir trotzdem bei Vier Pfoten Romania in der Hoffnung, dass sie anderweitig oder wieder für den vorgesehenen Verwendungszweck eingesetzt werden wird.

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Ein paar Säcke Kleidungsstücke, die mein Bruder und dessen Frau der Hilfslieferung beisteuerten, konnten über Marius (Vier Pfoten Romania) an Kinder einer Taubstummen-Schule weitergeleitet werden, was nicht geplant war und uns um so mehr erfreute, als sich diese Möglichkeit bot.

Am Sonnabend nahm uns Marius mit dem Kleinbus mit zum Lager in Berceni, in dem zwei Reihen Zwinger für Hunde der Fundatia Speranta reserviert sind. Diese Hunde stehen, obwohl sie in dem Todeslager untergebracht sind, nicht unter dem Zugriff der Stadtverwaltung. Es ist nur schwer vorstellbar, was sich in dessen Seelen abspielt, wenn in den benachbarten Gebäuden auf dem gleichen Gelände Hunde umgebracht werden.

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Zur Fütterung durften nur Mitglieder der Fundatia Speranta das Gelände betreten. Die ehemalige (sie wurde von Basescu entlassen, weil sie keinen Doktor-Titel hat) Chefin der ASA (Verwaltung für die Tieraufsicht) brachte an diesem Tag zwei von ihr betreute Streuner an diesen sicheren Platz, um sie dem Zugriff der Fänger zu entziehen. Sie ermöglichte es auch, dass wir Aufnahmen vom Inneren der Baracken erhielten.

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Im Lager sahen wir eine ca. ein Jahr alte, selbstbewusste und sehr schöne Hündin, deren beide Hinterläufe seit ihrer Geburt gelähmt sind. Wenn jemand von euch eine Möglichkeit sieht, sie unterzubringen und für sie zu sorgen, könnte das ihr Leben wesentlich ändern. Meldet euch bei mir. Sie schleppt sich jetzt mit ihren Vorderläufen über den Beton und hat entsprechend Abschürfungen und Vernarbungen an den Hinterläufen.

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Außerhalb des Lagers fanden sich schnell andere Hunde ein, die vom Futter etwas abhaben wollten und dies auch erhielten. Wir mussten aber auch ungläubig mit ansehen, wie ein Kraftfahrer altes Motorenöl in das Fell einer Hündin goss und verteilte in der Annahme, dass würde die Zecken vertreiben. Es konnte ihm nicht vermittelt werden, dass dabei das Fell Schaden nimmt.

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Wir begleiteten eine weiße Hündin in die Illiora Klinik, die dort behandelt werden sollte. Sie hatte furchtbare Angst als sie in die Box gehoben wurde und zitterte am ganzen Körper, teils vor Angst und teils vor Kälte. Sie war mit Zecken übersät , die wir so gut wir konnten entfernten. Vor der Illiora Klinik wurden ihr Welpen an das pralle Gesäuge gelegt, um ihr ein wenig Erleichterung zu verschaffen.

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Das für den Abend geplante Gespräch zur Situation in Bukarest mit Kuki (Direktor von Vier Pfoten Romania) wurde auf Sonntag vertagt – uns holte die Müdigkeit ein, waren wir doch seit Freitag morgen auf den Beinen (und Rädern).

Am Sonntag erkundeten wir die Stadt in der Nähe des Büros von Vier Pfoten Romania. Mir war, als seien es seit meinem letzten Besuch vor zwei Jahren schon weniger Hunde geworden. Ausnahmslos alle Hunde, die wir sahen, hingen ihren eigenen Gedanken nach, dösten in der wieder hervorgekommenen Sonne, ließen sich durch niemanden stören. Aber auch die Menschen nahmen keinerlei Anstoß an den Hunden.

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Wenn man sich aber um die Hunde kümmern, ihnen etwas zu Fressen geben oder sie fotografieren wollte, standen diese auf und wichen zurück. Und wann immer wir uns mit den Hunden beschäftigten, die schnell Vertrauen zu uns gewannen, spürten wir, dass immer jemand in der Nähe war, der uns beobachtete - dass wir den Hunden ja nichts zuleide tun – eine sehr gute Erfahrung.

Was mir im Nachhinein auffiel, und die Fotos bestätigen es, man muss schon sehr suchen, um Hundekot zu finden, bei der Anzahl der Hunde eine recht rätselhafte Sache.

Drei der Welpen, die auf ihre Fahrt nach Deutschland warteten, hatten wir schon kennengelernt, sie lebten im Hof und Haus von Vier Pfoten Romania zusammen mit anderen Hunden und einer Katze namens Kleopatra, die bei den Kleinen schon Lerneffekte ausgelöst hat, indem sie ihnen klarmachte, dass man sich einer Katze nicht ungestraft nähert. Der vierte (männliche) Welpe, den Kuki noch am Sonnabend Abend brachte, hatte sich in der Nacht in unser Ohr gejammert. Er war ca. 3 Monate alt und ein ganzes Stück größer als die drei ca. zehnwöchigen Mädels.

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Für den frühen Nachmittag hatten wir uns mit Liviu Gaita verabredet (http://asokha.tripod.com/bioethics/). Wir lernten ihn als einen engagierten Tierschützer kennen, der nicht davor zurückschreckt, sein Privatleben auf’s Spiel zu setzen, um den Hunden zu helfen. Er brachte dann auch Lulutza, ein ganz liebes (12 Monte altes) Hundemädchen mit. Nie zuvor hatte ich eine so scheue, liebe Hundeseele getroffen. Ich kann Liviu verstehen, dass er für sie das beste Zuhause sucht, das man sich vorstellen kann. Wenn sie aufgetaut ist, soll sie sehr spielfreudig sein, was wir auf der Fahrt natürlich nicht erlebten, dafür hat sie sich riesig über das hohe Gras in Deutschland gefreut, sie hat sich hineingekuschelt wie ein Rehkitz und wollte nicht mehr weg – wir haben sie oft getragen). Im Haus sollte man darauf achten, dass sie nicht an den Elektrokabeln knabbert, ist wohl eine Marotte von ihr. Kurz darauf traf auch Dr. Dragos Tudose mit zwei seiner Helferinnen und mit Gurita (sprich: Guritza), dem von Livius Webseite bekannten Mouthy, ein.

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Dr. Tudose hatte auch die Papiere für alle sechs Hunde, die mit nach Deutschland kamen fertig gemacht. Er erzählte uns die erschütternde Geschichte von Gurita, dem eine Schrotladung in den Kopf geschossen wurde und der sich ca. drei Monate mit beidseitig gebrochenem Kiefer und verletzter Zunge durchschlug bis er gefunden wurde und behandelt werden konnte. Es bleibt rätselhaft, wie er sich über so lange Zeit mit senkrecht herabhängendem Unterkiefer ernähren konnte. Dr. Tudose sagte, dass Gurita von den Genen her auserwählt ist zu überleben, deshalb hat er auch Bedenken gegen die Kastration von Gurita geäußert und diese nicht durchgeführt. Wer immer Gurita ein Zuhause bietet, sollte dieses Gefühl ohne wenn und aber akzeptieren. Dr. Tudose hat all seine Kunst daran gesetzt, aus Gurita wieder einen freudigen, gesunden Hund zu machen.

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Gurita ist ein überaus liebenswerter Rüde von 2,5 bis 3 Jahren, wählt sich die Leute selbst aus, die er mag; er hat insbesondere Probleme mit Männern. Ähnlich verhält er sich anderen Rüden gegenüber. Dem er einmal vertraut, hat keine Aggressionen mehr zu befürchten. Er lernt sehr schnell, will alles richtig machen. Er sollte ein Zuhause finden, indem keine Rivalität zwischen Rüden stattfinden kann, weil sein mehrfach gebrochener und sehr spät behandelter Kiefer keine Belastung aushält (seine Bisse tun auch nicht wirklich weh, wie mir mein Bruder versicherte, der sich aber kurze Zeit später blendend mit Gurita verstand). Wenn ein Mann oder Kinder im Haushalt sind, sollte vorher getestet werden, wie sich Gurita verhält, kleine Kinder sollten nicht im Haushalt sein. Seinem Herrn gegenüber ist er ein echter Freund und unproblematisch.

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Nun hatten wir Gelegenheit mit Kuki, Liviu und Dr. Tudose über die Situation in Bukarest zu sprechen. Hier haben wir uns gewünscht, dass unser Englisch doch ein ganzes Stück besser wäre, um tiefgründiger miteinander kommunizieren zu können. Die Zeit war viel zu kurz, um all die furchtbaren Dinge zu erfahren, die derzeit in Bukarest passieren. Zwei Möglichkeiten der Hilfe haben sich herauskristallisiert. Das allerwichtigste ist der Protest auf internationaler Ebene, hier müssen wir unsere Aktivitäten weiter verstärken, Medien alarmieren, Politiker sensibilisieren, die EU auf das Problem ansetzen – nur über internationalen politischen Druck ist Basescu zu stoppen. Basescu selbst ist als ‚harter Mann’ schon während seiner Aufgabe als Transportminister aufgefallen, durch die Art wie er Verhandlungen mit Streikenden führte. Jetzt lebt er seine Macht gegen hilflose unschuldige Geschöpfe aus, indem er geschickt die Probleme der Kinder gegen die der Hunde ausspielt, gezielt Falschinformationen verbreiten lässt und Tatsachen verdreht, die Jugendliche zu den Aussagen veranlassen, dass die Hunde getötet werden müssen, damit Rumänien in die EU aufgenommen wird, so geschehen in einem Fernsehinterview anlässlich einer Demonstration gegen das Töten der Streunerhunde. Bitte lasst in euren Aktivitäten nicht nach.

Der andere Weg, den Hunden zu helfen – der kleine Weg – ist, den Hunden eine neue Heimat zu schaffen, wie es verschiede Organisationen und Privatpersonen derzeit tun. Es werden Gelände zur Unterbringung der Hunde hergerichtet, Einwohner nehmen Streuner in ihre Wohnung auf und Hilfsorganisationen wie wir holen Hunde aus dem Land, um ihnen ein neues Zuhause zu bieten. Ein kleiner Beitrag, aber jeder einzelne Hund ist es wert, die Strapazen der Tour auf sich zu nehmen. Schaut euch doch nur die Bilder an.

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Die Rückfahrt nach Deutschland führte uns über Brasov, wo wir Andreea, einer Tierschützerin der „Asociata de Protectie a Animalelor ‚Milioane de Prieteni’“ Wäsche für die Hunde, einige Medikamente und unseren „Reiseproviant“ an Hundefutter übergaben.

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Das soll’s erst einmal gewesen sein. Ich werde in den nächsten Tagen noch über den technischen Teil der Tour berichten dass sich diejenigen unter euch einstimmen können auf das, was sie erwartet, wenn sie Hunde aus Rumänien holen.

Nicht zuletzt möchte ich mich bei allen Helfern, Spendern von Sachmitteln und Geldern, die die Tour erst ermöglichten, bei den Menschen, die die geretteten Hunde zeitweise oder dauerhaft aufgenommen haben und besonders bei KH bedanken, die die Fäden hier in Deutschland zusammenhielt und nach unserer Rückkehr selbst noch einmal fast die Strecke Deutschland – Rumänien im Auto zurücklegte, um die Hunde an ihre vorgesehenen Plätze zu bringen. Besonderer Dank geht auch an meine liebe Frau, die alle Hilfsgüter verpackt hat und sich, während meiner abende- und nächtefüllenden Vorbereitungen am Computer, um alles andere gekümmert hat.

Lasst uns nicht nachlassen im Kampf für die rumänischen Streunerhunde, jeder einzelne von den 200.000 ist es wert, dass man um ihn kämpft, zeigen sie uns doch jeden Tag, wie Treue und Freundschaft die Welt zum Guten ändern können. Lasst uns über die Zahl 200.000 nicht die Einzelschicksale eines Gurita, einer Lulutza, und all der namenlosen Seelen Bukarests vergessen.

Hardy ‚Knuddelbacke’ für „Hand-und-Pfote“

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